Unter dem Titel „Über Kunst, Freiheit und Kirche“ entstand dieser Text für die Freiheitsschrift zum 30. Mauerfalljubiläum in Staaken im Herbst 2019. Er entsprang einem konkreten Anlass, wurzelt jedoch in Fragen, die mich bis heute begleiten. Ich veröffentliche die Thesen hier unverändert. Nicht, weil sie abgeschlossen wären, sondern weil das Spannungsfeld zwischen Kunst, Freiheit und Kirche für mich ein offener Raum bleibt. Vielleicht laden sie dazu ein, eigene Gedanken daran zu entzünden: zustimmend, widersprechend oder weiterführend.
1. Freiheit der Kunst ist es, individuell und subjektiv zu sein
…oder: „Um einen Gegenstand zu kennen, muss ich zwar nicht seine externen - aber ich muss alle seine internen Eigenschaften kennen.“ (Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, London 1922)
Künstler*innen erschaffen Werke, wie etwa der Komponist oder die Bildhauerin, oder sie legen Werke anderer aus, wie etwa die Schauspielerin oder der Tänzer, die ein Kunstwerk einer nachträglichen und neu schöpfenden Betrachtung unterziehen. Künstler*innen tun dies aus sich selbst heraus. Sie interpretieren individuell ihre Umgebungen und ihre Wirklichkeiten, und sie deuten sie subjektiv. Sie erforschen die Eigenschaften ihres künstlerischen Gegenstands, sie tun dies nach ihrer künstlerischen Berufung und aus ihrer künstlerischen Fachrichtung heraus. Der Grund ihres Forschens ist es, den Gegenstand am Ende zu kennen, und sie weisen ihm keinerlei Zweck zu. Ein Kunstwerk ist und ist ein Ding und ist eine Tatsache, und es kann sich nur in der und durch die allerhöchste Freiheit der Künstler*innen formen und entfalten.
2. Freiheit der Kunst ist es, sich sichtbar zu machen
…oder: „Das Allerwichtigste im Kino ist, was man, ohne überhaupt zu wissen, was das ist, Montage nennt. […] Es heißt, die Dinge zueinander in Beziehung zu setzen, damit man sie sieht […].“ (Jean-Luc Godard, Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos, München 1981)
Ein Kunstwerk existiert, auch wenn es niemand sieht, hört, fühlt, schmeckt, riecht oder liest. Das Werk bedarf keiner Präsentation, es ist nach seiner Schaffung frei. Es gehört zur Freiheit von Künstler*innen, darüber zu entscheiden, ob ihre Kunst von Anderen wahrgenommen werden soll oder nicht. Nicht präsentierte Kunst führt zur Freiheit von Künstler*innen, präsentierte zur Freiheit auch des Publikums. Wenn Kunstwerke präsentiert werden, wird ihre Rezeption durch Form und Art der Präsentation manipuliert. Um bestimmte Wirkungen (keine Zwecke) hervorzurufen, ist Manipulation von Künstler*innen intendiert. Dies ist ihre künstlerische Freiheit und dient der Freiheit des Kunstwerks. Nicht alle Wirkungen aber werden durch Manipulation erzeugt oder sind überhaupt manipulierbar, denn nicht jede assoziative Brücke führt zu denselben Assoziationen oder ästhetischen Transformationen aller Rezipierenden. Es gehört zur Freiheit des Kunstwerks, dass sich Künstler*innen wie Rezipierende von Intentionen befreien können.
3. Freiheit der Kunst ist es, sozial und politisch zu wirken
…oder: „Und man fände tausend Bindeglieder zwischen der Wirklichkeit und den Symbolen, wenn man den Dingen alle Bewegung gäbe, die sie in die Vorstellung rufen.“ (Gaston Bachelard, Poetik des Raumes, Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1975)
Kunst vermag es, die Sinne zu bilden oder zu Erkenntnissen zu verhelfen. Da dies gleichermaßen die Künstler*in und das Publikum betrifft, ist Kunst nicht nur unmittelbare Äußerungsmöglichkeit einer Seele, sondern gleichzeitig eine Nahrung für alle Seelen, denen in ihrer Verschiedenheit ein gemeinsames Angebot zur Diskussion durch und über Kunst gemacht wird. Diskussionen über Kunst geschehen in der Wirklichkeit der Diskutierenden außerhalb der artifiziellen Räume der Kunst. Diese Wirklichkeit unterliegt nach einer Kunstwahrnehmung einem anderen Blickwinkel, der sie bestätigen, verwerfen oder verändern kann. Kunst kann zur Folge haben, negative Entwicklungen im sozialen und politischen Zusammenleben von Menschen wahrzunehmen, aufzunehmen und so zu verarbeiten, dass Positives entsteht. Kunst schafft Verbindungen zwischen Menschen. Dies sind Gründe für die feste Verankerung der Freiheit der Kunst in unserer demokratischen Verfassung (ein weiterer liegt im Selbstanspruch der Kunst: Freie Kunst kann nur in Freiheit entstehen, und Kunst steht für den Freiheitsbegriff an sich; s. a. Thesen 1 und 2). Politischen Kräften oder Bewegungen, die die Kunstfreiheit einschränken oder verhindern wollen, muss entschieden entgegengetreten werden, weil solches Tun zu den ersten Schritten bei der Errichtung von Diktaturen oder totalitären Regimen gehört. Ein kluges und wachsames Behüten der Freiheit der Kunst (nebst ihrer Verfügbarmachung für alle und ihrer Verbreitung auch an Peripherien) muss eine der grundlegenden Pflichten und Aufgaben von politischen Einheiten und sozialen Gemeinschaften sein.
4. Freiheit der Kunst ist es, spirituell zu sein und sich religiös zu bekennen
…oder: „Ich verstand, dass zum Beispiel die Bibel nicht so sehr ein Buch mit einem feststehenden Text ist als vielmehr ein Notizheft der Menschheit, und dass alles Ewige so ist. Dass es lebendig ist nicht dann, wenn es festlegt, sondern wenn es empfänglich ist für alle Anverwandlungen, mit denen die von ihm ausgehenden Jahrhunderte auf es zurückblicken.“ (Boris Pasternak, Zweite Geburt: Werkausgabe Band 2. Gedichte, Erzählungen, Briefe, Frankfurt a.M. 2016)
Kunst ist aus dem Geist heraus entstanden und kann das Sichvereinigen Vieler in einem Geist bewirken. Das ist das Spirituelle der Kunst. Gedanken von diesseitigen und jenseitigen Welten sind der Kunst inhärent, und die Raumwahrnehmung einer Künstler*in ist immer die Simultanwahrnehmung physischer und virtueller Räume, ganz so, wie es durchdachte Architektur von Gebäuden fasslich erreicht. Um von einer geistvollen zu einer geistlichen Kunst zu werden, bedarf es eines religiösen Bekenntnisses, das Künstler*innen, Rezipierende oder beide gemeinsam formulieren. Die Freiheit der Kunst ist es, christlich sein zu dürfen, auch jüdisch, islamisch, hinduistisch, buddhistisch oder ganz anders. Christlich wird Kunst, wenn sie sich zu Gott bekennt und sich historisch, kulturell und theologisch in den Traditionen, der Gegenwart und den Erwartungen des Christseins verorten kann, evangelisch wird sie, wenn sie darüber hinaus ihre Zugehörigkeit zu eben dieser Konfession ausspricht.
In der evangelischen Kirche begegnet die Sicht einer bekennenden Kunst aus, in und für Freiheit mitunter der Sicht derer, die ihr einen Zweck, ein „Wir lassen Kunst zu, damit dieses oder jenes geschieht“, zuweisen, wodurch die Freiheit von Kunst beschränkt oder verhindert wird. Kunst kann keine Dienerin der Theologie sein, sie kann sich nicht etwa einer theologischen oder missionarischen Überschrift unterwerfen. Denn solcherart unterdrückt raubte man der Kunst die Freiheit und nähme ihr die Über-Sinnlichkeit, die man von ihr erwartet. Die Sicht derjenigen, die meinen, Kunst wäre in der Kirche überhaupt nicht nötig, bedarf keines Wortes, weil es diesen an grundlegendem Wissen und Verständnis mangelt und man sie daher nicht vom Gegenteil überzeugen könnte.
Die, die eine freie und sich frei bekennende Kunst und ihre Wirkungen in ihrer Religion und Konfession begrüßen, gutheißen und fördern, gehen den richtigen Weg. Wenn Kunst sich bekennt, dann tut sie es aus sich selbst heraus, sie kann nicht dafür vereinnahmt werden. Das Ding Kunst zählt zur Gesamtheit der Tatsachen, und ihre unbedingte und intrinsische Freiheit ist es, um noch einmal mit Wittgenstein zu denken, ein gehöriges Wort dabei mitzureden, was der Fall ist und was nicht, und dabei, die erkennbare und die nicht erkennbare Welt mitzugestalten.
Die Freiheit der Kunst ist am Ende die Kunst selbst.
Die Evangelische Kirchengemeinde Staaken wurde vom Mauerbau 1961 bis zum Mauerfall 1989 durch die Grenze und die Grenzanlagen dicht hinter der Dorfkirche Alt-Staaken geteilt. Dieses bis heute spürbare Erbe bildet immer wieder ein Anlass, sich mit der Teilung Deutschlands, ihren historischen Hintergründen und ihren Auswirkungen breit zu befassen.
Ich freue mich über Rückmeldungen, gerne per Nachricht. Wenn etwas aus diesem Text weiterklingt und seinen Weg in andere Zusammenhänge findet, bin ich für einen kurzen Hinweis dankbar. Auf Wunsch informiere ich Sie auch über neue Texte.
© Carsten Albrecht, Berlin 2019