Es bräuchte keine Erklärung, damit ein Foto als Bild funktioniert. Trotzdem können Gedanken darüber interessant sein. Deshalb hier ein paar Zeilen zu einer Serie, die über vier Jahre an sieben Meeren entstanden ist.
Ein Wal kann im ersten Moment wie ein Schiffswrack wirken, junge Schildkröten wie dunkle Punkte oder Vögel am Strand. Auch nachdem das Motiv erkannt ist, bleibt der erste Eindruck in der Form erhalten. Wer im Wal einmal ein Wrack gesehen hat, kann es weiterhin darin finden. Das Wissen darüber, was zu sehen ist, entfernt diese Wahrnehmung nicht aus dem Bild.
Beim Akt des Fotografierens geschieht etwas Ähnliches. Im Bruchteil einer Sekunde tauchen Erinnerungen und Assoziationen auf, oft schneller, als sie sich benennen lassen. Die Kamera zeichnet davon nichts auf, auf dem Sensor landen lediglich Lichtwerte. Trotzdem können diese flüchtigen Verbindungen im fertigen Bild präsent bleiben.
Das Meer begünstigt diese Offenheit, denn auf seiner Fläche fehlt fast alles, woran sich Größen und Entfernungen zuverlässig ablesen ließen. Ein Segel wird zum Punkt, ein Wal zu einer unbestimmten Form, Windräder zu feinen Strichen am Horizont. Auch ein fester Standort fehlt nahezu überall, da die Bilder dort beginnen, wo der Boden aufhört. Horizont, Wasser, Dunst und Licht müssen genügen, um einen Raum zu bilden.
Die Titel folgen fast alle demselben Muster: veiling, emerging, drifting, turning, returning, fading. Es sind Verlaufsformen, die etwas in Bewegung halten, ohne einen abgeschlossenen Zustand zu bezeichnen. Ein Titel fällt aus diesem Schema: resolve. Auf dem Bild ist ein kleines Segelboot zu sehen, dessen Kurs sich als Bewegung gegen die Richtung des Lichts lesen lässt. Zugleich gibt das Licht dem Bild keine eindeutige Bewegungsrichtung vor. Das Boot besitzt eine eigene Ausrichtung in einem Feld, das selbst keine festlegt. Sprachlich nimmt resolve ebenfalls eine Sonderstellung ein. Das Wort kann Auflösung bezeichnen, ebenso Entschluss und Entschlossenheit.
Das zweite Boot der Serie, drifting, verhält sich anders. Der Fischer hält den Außenborder in der Hand, und im Wasser zeichnet sich eine Spur ab. Das Boot bewegt sich offensichtlich, doch eine sichtbare Bewegung ergibt noch keine Richtung im Sinne der Komposition. Seine Farbe wurde bei der Bearbeitung zurückgenommen. Dennoch bleibt sie der auffälligste Farbakzent der Serie, bis im letzten Bild, fading, die Farbe fast die gesamte Fläche einnimmt. Orange und Violett, die am Boot auftauchen, bestimmen dort den Himmel und bilden eine farbliche Entsprechung.
Die Farben dieser Serie stehen nicht im Dienst einer neutralen Abbildung. Eine fotografische Aufnahme ist durch Ausschnitt, Belichtung, Kontrast und Ausarbeitung bestimmt. Es geht um eine Erfahrung, die sich nicht in Messwerten erschöpft. Ein kühles Blau kann zu einem Bild gehören, obwohl die Farbtemperatur des Augenblicks eine andere war. Ein fast weißer Himmel kann das Empfinden einer Situation genauer treffen als eine technisch ausgewogene Wiedergabe aller Tonwerte.
Am Anfang und am Ende der Serie stehen veiling und fading. Beide beschreiben ein Nachlassen von Kontur. Das erste Bild setzt ein, während sich etwas verhüllt. Im letzten verblasst das Licht, während das Bild es festhält. Darin zeigt sich eine Eigenart der Fotografie: Die Titel bezeichnen Vorgänge, das Foto hält sie an. Ein Rotor dreht sich, im Foto steht er still. Ein Wal taucht auf und bleibt im Bild in genau dieser Lage. Schildkröten bewegen sich auf das Wasser zu und erreichen es nie. Ein Boot treibt und bleibt für die Dauer der Betrachtung an derselben Stelle. Die Verlaufsformen der Titel geben den Bildern etwas von der Zeit zurück, die der fotografische Augenblick aus ihrem Verlauf herausgelöst hat.
Ich freue mich über Rückmeldungen, gerne per Nachricht. Wenn etwas aus diesem Text weiterklingt und seinen Weg in andere Zusammenhänge findet, bin ich für einen kurzen Hinweis dankbar. Auf Wunsch informiere ich Sie auch über neue Texte.
© Carsten Albrecht, Berlin 2026